„Wir hätten gerne zwei Meerschweinchen, die schon zutraulich sind“ oder „Unsere Meerschweinchen werden einfach nicht zutraulich! Was können wir tun, damit sie nicht mehr so scheu sind?“

Solche oder ähnliche Sätze höre ich oft im Züchteralltag. Die Menschen haben eine ganz konkrete Vorstellung davon, wie sich ihre neuen Familienmitglieder zu verhalten haben. Sie sollten still im Gehege sitzen bleiben, wenn man sie streicheln möchte und sollten sich ohne Fluchtversuche aus dem Gehege herausnehmen lassen. Die Streicheleinheiten auf dem Arm des neuen Besitzers sollten die Tiere sichtlich genießen und sich möglichst am zweiten Tag ihr Futter aus der Hand holen. Überhaupt sollten die kleinen Vierbeiner sich rege am Familienalltag beteiligen.

Leider vergessen viele Menschen dabei, was eigentlich das natürliche Verhalten der Meerschweinchen ist. Hierzu machen wir einen kleinen Ausflug in die Zeit, bevor die Meerschweinchen für uns als Heimtiere domestiziert wurden.

Meerschweinchen sind Fluchttiere

Meerschweinchen sind von Natur aus Fluchttiere, d.h. sobald sie ein unbekanntes Geräusch hören oder eine schnelle Bewegung in ihrem Umfeld wahrnehmen, flüchten sie erst mal in ein sicheres Versteck. Da sie für viele Raubtiere Beutetiere sind und sie selbst über keinerlei Verteidigungsmechanismen verfügen, ist ihre einzige Möglichkeit sich zu retten die Flucht nach vorne. Da Meerschweinchen in der Natur meist von oben angegriffen werden, haben sie einen natürlichen Fluchtreflex, wenn etwas von oben kommt bzw. wenn sich etwas näher, dass größer ist, als sie selbst.

Meerschweinchen und Kind

Vertrauen aufbauen

Dieses Fluchtverhalten, welches die wild lebenden Meerschweinchen von Generation zu Generation vor dem Aussterben rettet, steckt auch noch tief in unseren Hausmeerschweinchen. Auch sie laufen vor allem davon, was von oben kommt oder was größer als sie selbst ist. Selbst, wenn etwas zu futtern ins Gehege fällt…

Dieses natürliche Verhalten lässt sich nicht so einfach abtrainieren. Vielmehr muss der Halter über einen längeren Zeitraum das Vertrauen der Tiere gewinnen. Was man dazu braucht? Vor allem Geduld, denn Vertrauen muss man sich verdienen. Sprecht ruhig mit euren Meerschweinchen und macht keine hektischen und schnellen Bewegungen, wenn ihr bei den Tieren seid. Der Alltag darf vor dem Gehege ruhig stattfinden, aber ohne Trubel.

Der weitverbreitete Mythos „Meerschweinchen werden schneller zahm, wenn man sie oft genug aus dem Gehege nimmt“ bewirkt leider genau das Gegenteil. Die Tiere fassen kein Vertrauen, sondern fügen sich vielmehr ihrem Schicksal, was dann als zutrauliches Verhalten angesehen wird.

Eine gute Kinderstube

Eine gute Kinderstube ist die halbe Miete. Ein Meerschweinchen kommt zwar fix und fertig auf die Welt und kann sofort losstarten, jedoch sind seine Fähigkeiten auf Angst, Flucht und Verstecken geprägt. In den ersten Lebenswochen lernt ein junges Meerschweinchen von seiner Mama und den anderen erwachsenen Meerschweinchen der Gruppe alles, was es für ein gutes Sozialverhalten und ein schönes Leben in der Gruppe wissen muss. Sie zeigen ihm, was man fressen kann, wo man Wasser findet und wie man mit Artgenossen umgeht. 

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Die Kleinen lernen verschiedene Geräusche kennen und welche gefährlich sind und welche nicht. So lernen sie auch vom ersten Tag an den Menschen kennen. Wenn Mama hingeht und sich das Futter aus der Hand holt, lernen die kleinen Meerschweinchen recht schnell, dass der Mensch kein Feind ist und die Hand ihnen nichts Böses will. Im Gegenteil, sie hat meistens etwas Leckeres zu futtern dabei. Daher ist es auch zu empfehlen, bei Jungtieren ein älteres Meerschweinchen dazu zu setzen. So haben die Kleinen ein Vorbild, welches ihnen zeigt, vor was man im neuen Zuhause Angst haben muss und vor was nicht. Junge Meerschweinchen orientieren sich sehr viel an den älteren und fassen dadurch schneller Vertrauen zum Halter.

Verstecke

Bietet euren Meerschweinchen auseichend Verstecke. Nur wenn sie wissen, wo sie im „Angriffsfall“ Zuflucht finden können, werden sie ihre Umgebung mutiger erkunden und auch den Kontakt zum Halter wagen. Die wesentlichen Verstecke sollten auch nicht nach der Säuberung des Geheges umgestellt werden. Oft wird empfohlen, die Einrichtung mal umzustellen, um den Tieren wieder etwas Neues zum Entdecken zu bieten. Ein Meerschweinchen, das im Ernstfall nicht weiß, wo es hinlaufen muss, wird auch keine Lust haben, etwas Neues zu erkunden. Hier ist es sinnvoller einzelne Gegenstände gelegentlich auszutauschen, um den Tieren etwas Abwechslung zu bieten.

Auch die inzwischen veraltete Empfehlung den Tieren die Häuschen und Verstecke ganz wegzunehmen, damit sie sich nicht verkriechen können und rauskommen MÜSSEN ist absolut nicht zu empfehlen. Ein Meerschweinchen, dass keinen Rückzugsort mehr hat, steht permanent unter Stress. Ein gestresstes Tier wird mit Sicherheit kein Vertrauen fassen können.

Beispiele für geeignete Verstecke findest du in meinem Beitrag Grundausstattung für Meerschweinchen.

Die Hand hat immer etwas Leckeres dabei

Die Meerschweinchen werden mit der Zeit begreifen, dass die Hand nichts Böses will, sondern etwas Leckeres zu Futtern dabeihat. Die kleinen Nager sind sehr neugierig und diese Neugierde macht ihr euch zu Nutzen.

Am Anfang legt ihr das Futter einfach ins Gehege und geht wieder weg. Sehr ängstliche Meerschweinchen kommen erst zum Fressen raus, wenn ihr den Raum verlassen habt. Gebt den Tieren gerade am Anfang die Zeit, sich an alles in Ruhe zu gewöhnen.

Nach ein paar Tagen trauen sich die meisten Meerschweinchen schon raus, wenn ihr im Raum seid. Dann könnt ihr das Futter ins Gehege legen und euch in einem gewissen Abstand vors Gehege setzen. Kommen die kleinen Vierbeiner raus und fressen in eurer Anwesenheit, könnt ihr den nächsten Schritt gehen.

Um die Meerschweinchen an die Fütterung aus der Hand zu gewöhnen, könnt ihr am Anfang langes Futter, also z.B. eine dünne Karotte oder ein Blatt Löwenzahn nehmen. Dadurch haben die Tiere noch den sicheren Abstand zur Hand und können sich das Futter gefahrlos holen. Klappt das gut, könnt ihr den Abstand langsam verkürzen, bis sich die Meerschweinchen kleine Gemüsestückchen direkt aus der Hand abholen. Möchte das Tier das Futterstück mitnehmen, sollte man ihm diesen Triumph auch lassen.

Meerschweinchen in der Hand

Streicheln – ja oder nein?

Holen die Meerschweinchen sich ihr Futter aus der Hand oder bleiben sogar sitzen und möchten ihr Futterstück nicht mitnehmen, kann man vorsichtig versuchen, mit der zweiten Hand das Tier unterm Kinn zu berühren. Und hier kommen wir zu meiner Grenze von zutraulich.

Zutraulich bedeutet für mich, dass ich mich dem Gehege nähern kann, ohne dass meine Meerschweinchen panisch davonlaufen. Sie holen sich ihr Futter bei mir ab oder fressen es direkt aus meiner Hand und beobachten neugierig, was ich tue. Sie kennen die typischen Vorgänge wie Krallenschneiden und Gesundheitscheck (die einzigen Dinge neben Medikamentengabe, die halt sein müssen). Lässt sich ein Tier anfassen oder streicheln, ist das ohne Zwang und es hat jederzeit die Möglichkeit wegzugehen. Setzt man sich mit ins Gehege und die Tiere kommen her und klettern einem über die Beine, ist das ein großer Vertrauensbeweis. Auch hier müssen die Tiere jederzeit die Möglichkeit haben, sich zurückziehen zu können.

Jedes Tier ist ein Individuum

Abschließend möchte ich noch sagen: jedes Tier ist ein Individuum und jedes Meerschweinchen hat seinen eigenen Charakter. So wie wir Menschen auch ist keines wie das andere und hat seine ganz eigene Vorstellung vom Meerschweinchenleben. Manche Tiere werden recht schnell zutraulich, bei anderen dauert es länger und wieder andere fassen nie wirklich Vertrauen. Es gibt eben neugierige und vorsichtige Meerschweinchen. Es spielen so viele Faktoren wie Kinderstube, bisherige Erfahrungen mit dem Menschen und auch mit anderen Meerschweinchen und einfach der eigene Charakter eine Rolle, dass man jedes Tier für sich betrachten muss und jedes so annehmen muss, wie es ist.

Klappt es trotzdem nicht so richtig oder bist du dir einfach noch unsicher im Umgang mit deinen Meerschweinchen? Dann schreib mir – ich berate dich gerne!

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Deine Steffi

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